(61) Urnäsch. Zäuerli.

Zum alten und neuen Silvester des Appenzell (31.12. und 13.1.) treten morgens ab 04:00 Uhr die die Schönen und die Wüeschten an, um ihren Nachbarn mit einer speziellen Art des Jodelns, dem Zäuerli, alles Gute und schöne für das neue Jahr zu wünschen.

Das tun sie in der ganzen Streusiedlung von Urnäsch und Umgebung, für sich, wollen keine Zuschauer dabei haben. Selbst vor Ort stehen sie und singen für sich im Kreis, nicht zum Hausbesitzer gewandt.

Das ist kein Touristengejodel, keine Show, das ist Urbrauchtum von Appenzellern für Appenzeller. Aber es gibt eine Chance, diese Glückwünsche live zu erleben und dabei zuzuschauen. Wenn die Jodler nach ihrer Tour in Urnäsch ankommen und auch für das Volk singen.

Jedes Jahr fahre ich da hin, bin gerührt von ihrem Gesang, dem ich nur zuhören kann, der nicht für mich gedacht ist. Aber es ist ein wundervoller Jahresausklang. Und natürlich hoffe ich wie alle anderen Connaisseurs auch, dass ich der Einzige bin, der davon weiss.

Bin ich nicht. Und die Horden jagen bei jedem hörbaren Jodeln von einem Ort zum anderen, um Zeuge davon zu werden. Es geht zu wie am Wühltisch beim Sommerschlussverkauf.

Aber die Sänger lassen sich nicht beirren, ziehen ihren Stiefel durch, bekommen Weisswein in Röhrchen von den Hausherren als Belohnung. Und inzwischen fangen die Kostüme der Schönen auch an auffälliger zu werden. So sieht man sie in der Menge leichter.

Da haben alle was davon. Was ich auch davon habe ist ein Bad in der Appenzeller Menge. Mit Bratwurst in der Hand und vielleicht einem Kaffee. Man kommt sogar miteinander ins Gespräch und stellt plötzlich fest: wir sind inzwischen Teil des Ritus und eine Glückwunschgemeinde. Wie schön. Alles.