Die Tränen laufen

Natürlich ist alles in Ordnung, ich gehe meinem Tagwerk nach, in den eigenen vier Wänden, nur wenig lasse ich mich ausserhalb von Wohnzimmer oder Büro blicken. Ich halte mich und meine Familie gesund, meide den Kontakt, bleibe wo ich bin. Nur das Laufen im Wald hinter dem Haus ist mir als aussen geblieben. Viermal, vielleicht fünfmal in der Woche renne ich mir dort das Blei von der Seele. Zehn, manchmal zwanzig Kilometer lang. Den bewaldeten Berg hinter dem Haus hinauf und entlang, kehre dann oben mit einem kurzen Blick auf das, was auch mein Land sein kann, um und setze schnell einen Fuss vor den anderen, gewinne an Tempo, merke wie ich Geschwindkeit aufnahme und meinen Atem angleiche. Schneller.

Dann kommen sie. Tränen geraten mir in die Augen und suchen sich ihren Weg weg. Sie sind noch eine Weile ein Teil von mir, dann treten sie über die Wange von mir weg und flüchten vor mir. Sie verlassen mich mit der Zeit, die sie eingeschlossen behalten und lassen sich nicht mehr finden.

Es ist nicht so, dass ich weinte, es sind nur Tränen, die hinauswollen. Sie befreien mich ein wenig, lassen mich tiefer atmen, noch schneller laufen, geben mir ein Gefühl, etwas von alledem hinter mich zu bringen. Traurig bin ich, aber ich weine nicht. Es will nur alles hinaus, das im Haus nicht weg kann. Dort auf dem Weg bleibt es dann hinter mir. Kilometerlang. Wenn ich einen guten Tag und einen guten Lauf habe, dann ist mir leichter danach. Ich setze mich danach wieder an den Tisch und arbeite oder esse. Wie gut, dass ich das tun kann. Der Lauf, wieder Platz zu nehmen danach. Hätte ich das nicht, würde ich mich am Ende einer dieser langen Tag einkrümmen und ganz in meinen Gedanken versinken. Von dort käme ich irgendwann nie wieder zurück.