Ich schaue meiner Mutter zu, wie sie langsam ihr Denken zerkrümeln sieht. Seit zwei Jahrzehnten, anfangs schleichend, jetzt geraten wir bei jedem Telefonat in ein Labyrinth aus Merkwürdigkeiten. Die gehen einfach los. Sie erzählt mir von meinem Neffen, der auch arbeitslos geworden ist. Und ich stutze und falle ihr ins Wort, dass sie mich damit meine. Und dann lächelt sie verlegen, ich kann das hören, und sie meint „jaja“. Und ich frage sie, ob sie versteht, dass ich der Arbeitslose bin, nicht er. Und das bejaht sie. Es ist als wäre sie im Gang durch den Dachstuhl ihres Denkens mit einem Bein eingebrochen und für kurze Zeit mit dem Fuss frei im Kirchenschiff schwingend schnell noch einmal zurück geholt worden. Oder sie will von mir wissen, ob ich eigentlich meine Nichte kenne. Auch wenn ich ihr jetzt erkläre dass ich sie als kleines Mädchen gehütet und seitdem sehr nahe bei mir gespührt habe, wird sie das nicht lange wissen. Sie wird mich wieder fragen.

Wenigstens erkennt sie mich tadellos am Telefon, damit können wir noch arbeiten.

Der Alltag in ihrem Haus, das eigentlich meines ist und in dem sie wohnt, läuft immer noch unberührt davon. Es gibt wenig, das hier eigenartig wäre. Neulich wurde sie aus Versehen in einem Haus neben der Kirche eingesperrt, weil sie dort ein Klo gesucht hat. Aber das war nicht ihre Schuld, das hätte auch mir passieren können. Sonst stehen die Möbel alle an der richtigen Seite, wenn ich sie besuche. Die Töpfe auf dem Ofen haben wie immer die richtige Suppe darin, es sieht alles sauber aus. Und wenn ich in den Garten sehe, kann ich schon die Pfanzen für das nächste Frühjahr erkennen. So könnte es immer weiter gehen.

Aber sie kann mir immer weniger Vornamen von denen sagen, die wir kennen. Am Telefon. Sie blendet aus, und ihr Denken verdunstet langsam in immer die gleichen Gewohnheiten hinein. Das ist alles. Bald wird es weniger geben, das wir uns zu sagen haben. Die Themen vergehen und werden wie im Garten zu Laub, unsere Erzählungen sehen wie leere Töpfe aus, und dann wird sie irgendwann schweigen. Nicht weil sie keine Wörter mehr hat, sondern weil die mir nichts Neues mehr sagen werden. Und für eine Erinnerung wird es dann zu spät sein.