concert

Sie sagten, es würde ein Vorspielen werden. Die Klarinettenklasse meiner Tochter. „Klasse“ wie „ein Haufen Klarinettenschülern mit ihren Instrumenten“. nicht „Qualität“, aber dazu später.

In einem eher marginal eingerichteten Schulsaal finden sich vom Tagwerk erschöpfe Eltern ein, die pflichtschuldig erleben wollen, dass ihre Zöglinge auf der leicht erhöhten Bretterbühne strahlen. Das kann dauern, denn zuerst tritt die Klarinettenlehrerin vor das Auditorium und erklärt, was alles nicht sein wird. Es wird keinen Auftritt von Sina geben (krank), und die Klarinette von Jens funktioniere nicht mehr, ausserdem habe man ein Problem mit den Notenständern. Und eine Schülerin sei spät dran. Aha. Danach kann es ja losgehen. Tut es auch, mit den Stücken eines mutig zusammen gewürfelten Ensembles aus vier gnadenlosen Mitgliedern der Beginnerklasse. Bei den ersten kakophonischen Sequenzen lässt der Vater in der Stuhlreihe vor mir mit einem glänzenden Blick das Hightech Aufnahmegerät langsam sinken und schaut stattdessen auf die Uhr. Was weiss der schon, was ihn noch erwartet.

Denn das ist ja nur die Einstimmung auf 16 Einzelauftritte a drei Liedern, die alle mehr oder weniger aus den Stücken „Danger“ (Ich übertreibe nicht), „Tango“ und „Yellow Submarine“ bestehen. Immer wieder. Wie eine unendliche Schleife.

So stelle ich mir übrigens auch die Hölle vor:

Schüler oder Schülerin stolpert bei Namensnennung nach vorne, lässt am zu hoch eingestellten Notenständer mindestens ein Blatt fallen, stösst beim Auflesen das Instrument am Holz des Ständers an, entscheidet sich dann nach Rücksprache mit der Lehrkraft, doch das andere Stück zuerst zu spielen und quiekt dann mit Klavierbegleitung los. Haspelt sich durch die Noten, treibt die Frau an den 88 Tasten tempomässig zum Wahnsinn und will dann die Einspielung von Yellow Submarine, in dessen Liedmitte einzelne Phrasen noch erkennbar aber deplatziert das Arrangement beballern. Müder Applaus, Schüler oder Schülerin wankt stolpernd von der Bühne.

Nach den ersten acht Runden zeigen sich bereits erste Ermüdungserscheinungen im Publikum. Zwei bis dahin tapfer durchhaltende Geschwister von Nummer 14 beginnen einen Ringkampf in der vorletzten Reihe, Eltern beginnen ihren Facebook Account neu auf dem Handy zu strukturieren. Und vorne links vermeldet eine Mutter, die Kleine habe sich eingenässt, wo denn hier die Toiletten seien. Dann wankt sie ohne Kind nach draussen.

Bei Schüler oder Schülerin 15 habe ich das Gefühl, dass die Pianistin gleich Geiseln nehmen wird. Selbst der Klarinettenlehrerin ist dieser leicht wirre, eher an die Hinterwand gerichtete Blick nicht mehr abzusprechen. Aber unverdrossen dröhnt die Supermarktversion von Yellow Submarine aus den Lautsprechern, und eine hilflose Klarinette hechelt dem Akkordwechsel hinterher.

Sechszehnter Auftritt, man atmet auf. Zu früh, jetzt sollen noch einmal die Ensemble (MEHRZAHL, oh Gott) auftreten. Tun sie auch. Der Vater in der Stuhlreihe vor mir scheint leise vor sich hin zu schluchzen und hämmert stumm auf sein nutzloses Aufnahmegerät ein. Mütter trösten ihre Kinder, verteilen Schokolade, ich schwäre dass ich Blut aus den Ohren eines wehrlos im Publikum Sitzenden fliessen gesehen habe. Aber das konnte auch die eher unfreundliche Beleuchtung des Raums ausmachen.

Aber dann, Stille. Donnernder Applaus. Verabschiedung der Lehrkraft, dass es doch immer wieder Freude mache, dieser Klasse beim Spielen zuzuhören.

Mit einem langgezogenen Schrei stürzt ein Grossvater sich durch die klirrend zerberstende Grossscheibe mit Blick auf einen ruhig da stehenden, dunklen Wald